Haben Fichte und Tanne noch eine Zukunft?
Andreas Rudow, Leiter der Gruppe Dendrologie und Vegetationskunde in der Professur für Waldökologie an der ETH Zürich, machte im Anfangsreferat vor gut 150 Fachpersonen aus Wald und Holzindustrie Mut: Er bescheinigte den Baumarten wegen der hohen genetischen Diversität generell eine hohe Anpassungsfähigkeit – vor allem, wenn sie jung sind. Das gilt auch für Fichte und Tanne. Sie können an geeigneten Standorten noch lange überleben. Weil aber im Mittelland die Fichten-Monokulturen umgebaut werden oder Stürmen zum Opfer fallen, würden die Nadelholz-Erntemengen kurz- und mittelfristig eher zu- als abnehmen. Klar ist jedoch: Die Baumartenzusammensetzung wird variantenreicher. Rudow ist dabei skeptisch gegenüber exotischen Baumarten oder sehr fremden Provenienzen einheimischer Baumarten. Klar ist aber auch: Es bleibt für die Holzindustrie genug Zeit, um sich auf andere Sortimente einzustellen. «Gefragt sind Innovation und findige Köpfe», resümierte er.
Je jünger, desto anpassungsfähiger
Auch Christian Rosset und Bernhard Pauli, beide Dozenten an der HAFL, postulierten in ihrem Vortrag, die Baumbestände zu verjüngen und so deren Anpassungsfähigkeit zu erhöhen. Im Mischwald der Zukunft sehen sie zwei bis vier Ziel-Hauptbaumarten, um eine Verzettelung zu vermeiden. Und was ist mit Fichte und Tanne, den ökonomisch weitaus lohnendsten Baumarten? «Hier werden Resilienz und Anpassungsfähigkeit entscheiden», sagen sie, und: «Die Umtriebszeit muss verkürzt werden.» Wenn man damit ernst machen wolle, brauche es aber eine aktive Anpassung der Waldbestände. Heisst: Es gibt vorübergehend mehr Rohholz, die Widerstände in der Bevölkerung wachsen, und vor allem: Es geht nicht ohne eine Stärkung der Forstbetriebe und (zusätzliche) öffentliche Beiträge.
Mit Saumhieb zum Mischwald
So viel zur Theorie. Was zeigt die Praxis? Im an die HAFL angrenzenden Wald nahmen im Anschluss an die Vorträge Fachpersonen an fünf Posten Tanne und Fichte, aber auch andere Baumarten und Waldbausysteme genauer unter die Lupe. Wussten Sie, dass die Weisstanne vor der Fichte und aus drei verschiedenen Richtungen mit unterschiedlichen Gen-Stämmen in die Schweiz eingewandert ist? Dass die Birke bis zu zwei Meter Längenzuwachs und 2 cm Dickenwachstum pro Jahr erzielen kann? Oder dass die Wildbirne oder die Elsbeere wegen ihrer Konkurrenzschwäche zwar eine enorme Pflege benötigen um aufzukommen, deren Holz aber den zehnfachen Marktpreis des auch schon hochwertigen Nussbaumholzes erzielt? Interessant auch die Präsentation einer exemplarischen Saumhieb-Fläche, bei der eine Waldpartie von der Seite her in Streifenform verjüngt wird. Die Fällung erfolgt dabei im Fünfjahresturnus so, dass der angrenzende Altbestand noch Schatten spendet, was für den Aufwuchs wichtig ist. Das Resultat ist ein artenreicher Mischwald- so, wie man ihn sich für die Zukunft vorstellt.
Laubholz: Innovation in der Nische
Dass die Verarbeitung von Laubholz zu baufähigen Produkten schwierig ist, ist hinlänglich bekannt. Umso überraschender war die Botschaft von Reto Schneider von Neue Holzbau International AG nach der Mittagspause. «Der Bedarf nach sägefähigem Laubholz steigt, die Verfügbarkeit hinkt hinterher», sagte er. Er bezog sich dabei vor allem auf die Esche. Trotz aufwändiger Trocknung und hohem Restholzanfall gebe es für Laubholzlamellen durchaus einen Markt. Auf diesem Hintergrund findet es Reto Schneider schade, dass sich nur gerade 5-10% der Sägereien in der Schweiz ernsthaft mit Laubholz beschäftigen. Entsprechend tief ist mit 4% der Laubholzeinschnitt. Als Herausforderungen nannte Reto Schneider die Normierung. Auch brauche es noch mehr Forschung und Entwicklung in innovative Holzwerkstoffe wie hybrides Brettschichtholz, welches Fichte mit Laubhölzern vereint, oder OSB-Platten aus Laubholz.
Nadelholz bleibt Favorit
Zuletzt war es an Beat Zaugg, Präsident der Berner Waldbesitzer, um den Waldbau in den grösseren Zusammenhängen zu verorten. Er sieht vor allem fünf Akteure, die da mitmischen: Die Klimaforscher, die Öffentlichkeit, die Forstbehörden, die Holzindustrie und die Waldbesitzenden. Für letztere gehe es vor allem darum, eine Risikoabwägung zu machen, wobei neben der Klimaveränderung auch die Entwicklung der Baumart, die Marktchancen, der Wildeinfluss, aber auch die Produktionszeit und – Investition eine Rolle spielen. Dabei postuliert auch er eine Verkürzung der Umtriebszeit und eine Risikoverteilung auf verschiedene Baumarten. Er spricht zudem lieber von einem maximalen Nadelholz – statt einem minimalen Laubholzanteil. «Wichtig ist aber, dass die Waldbesitzenden ein klares Bewirtschaftungskonzept haben», sagt er. Die Forstbehörden sollen dabei den Waldbesitzenden genügend Handlungsspielraum lassen. Klar ist auch: Die Wildbestände sind zu regulieren, und die Holzindustrie muss sich auf einen steigenden Laubholzanteil einstellen.
Gefragt: Mut und Offenheit
In der anschliessenden Podiumsdiskussion befragte HIS-Direktor Michael Gautschi zuerst Ueli Meier, den ehemaligen Dienststellenleiter Amt für Wald und Wild beider Basel. «Wenn ein Kanton etwas nicht fördert, heisst das noch lange nicht, dass er es verbietet», sagte er, und: « Die Verfügungsgewalt über den Wald liegt nicht bei den Kantonen, sondern bei den Waldeigentümern.» In diesem Sinne animierte er die Waldbesitzenden, ihre Freiheiten auszunützen und sich auch mal zu fragen, ob es für diese oder jene Regel überhaupt eine gesetzliche Grundlage gibt.
Von Michel Brügger, Projektleiter Wald/Wild beim Amt für Wald Bern, erfuhr man, dass im Gegensatz zum Wald das Wild dem Kanton gehört. Und ja: Neben waldbaulichen Schutzmassnahmen brauche es, gerade auch im Hinblick auf die verbissanfällige Weisstanne, mehr Druck und ein konsequentes Monitoring, um die Bestandesgrössen im Gleichgewicht zur Waldentwicklung zu halten. Auch gelte es, die Jagdorganisation zu stärken.
Thomas Lädrach, Geschäftsführer von OLWO in Worb, gab den Investitionszyklus in der Holzindustrie mit 10-15 Jahren an. Das heisst, dass es vorderhand noch möglich ist, ganz auf Nadelholz zu setzen. Umso mehr, wenn die Strukturen in der Holzernte so funktionieren, dass sie die zusätzlichen Holzerntemengen wegen des Waldumbaus bewältigen können. Und langfristig? «Die Holzindustrie hat sich schon immer dort niedergelassen, wo die verarbeitbaren Ressourcen sind», sagte er. Dies kann als Signal an die Waldbesitzer gelesen werden, sich auch zukünftig an den Bedürfnissen der Holzwirtschaft zu orientieren.
Nicht leicht hatte es Michael Reinhard, Abteilungsleiter Wald beim BAFU. Er musste bestätigen, dass die finanziellen Mittel des Bundes um über 10% zurückgehen – wohl mit der Folge, dass die Kantone nachziehen und ihre Beiträge ebenfalls senken werden. «Wir müssen also mit weniger mehr machen», sagte er. Dabei setzt er auf regionale Wertschöpfungsketten, Innovation und «Qualität statt Volumen».
Sven Schenk, Revierförster von Russikon-Fehraltorf, stellte klar: «Bewirtschaftungskonzepte enden bei den Grenzen unserer 350 Parzellen.» Was, wenn die Waldeigentümer sich nicht beraten lassen? Oder wenn es sich um Erbengemeinschaften handelt, die um den ganzen Globus verteilt sind? Auffällig sind bezüglich Offenheit und Mut die regionalen Unterschiede, mit Vorteil für die ländlichen Gebiete.
«Alles gut – aber wo bleiben die Visionen?», fragte eine Stimme aus dem Publikum. Es gibt sie schon: Zum Beispiel die Vorgabe des Bundes, 1 Mio m3 mehr Holz zu ernten. Oder die Integrale Wald- und Holzstrategie 2050. Allein: Die besten Visionen nützen nichts, wenn sie nicht von allen Beteiligten mitgetragen, gemeinsam umgesetzt und auch finanziert werden. Was es also braucht, ist der Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses über die Verbandsgrenzen hinweg. Dazu konnte diese Veranstaltung einen Beitrag leisten.
